Herr Dr. Scharpf, wie haben Sie das Colab in Ihren ersten Monaten im Amt erlebt?
Christian Scharpf: Mir wurde gleich gesagt: Da gibt es etwas Besonderes in München, das müssen Sie kennenlernen. Tatsächlich war ich wohl in meinen ersten Wochen im Amt an kaum einem anderen Ort so oft. Ständig gab es Veranstaltungen, Workshops oder Projektauftakte – und ich habe mich schnell zu Hause gefühlt. Das Colab ist ein Leuchtturmprojekt. Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche bringt es Stadtgesellschaft und Verwaltung mit Wissenschaft, Unternehmen und Startups zusammen.
Frau Frey, wo nahm die Idee ihren Anfang?
Claudia Frey: Die erste Zündung kam 2015, als wir mit der TU München das Entrepreneurship Center in Garching eröffnet haben, wo wir die Entrepreneurship-Aktivitäten von TUM und UnternehmerTUM an einem Ort gebündelt haben. Dort tobte sofort das Leben: Studierende arbeiteten an Ideen, Prototypen entstanden, Gründung wurde physisch erlebbar. Bei einer Veranstaltung zum Thema Startup Standorte Berlin und München saß Kurt Kapp, damals Leiter der Wirtschaftsförderung im Referat für Arbeit und Wirtschaft, auf einem Panel, und es entstand die Idee, gemeinsam mitten in München den Startup- und Innovationsstandort zu stärken. Mit einem Gebäude, bei dem Stadtverwaltung, Wissenschaft, Unternehmen, Startups, Talente und Bürgerinnen und Bürger unter einem Dach zusammenarbeiten können.
Gab es internationale Vorbilder?
Frey: Wir haben uns natürlich internationale Vorbilder angeschaut. Also zum Beispiel Kopenhagen oder Turin oder Amsterdam - es gibt weltweit viele Hubs. Aber vor allem haben wir Garching und unsere Erfahrungen mit dem Gebäude weitergedacht und weiterentwickelt. Wir haben uns viel Zeit genommen, zusammen mit der Stadt zu beschreiben, was in diesem Haus eigentlich passieren soll. Wir saßen regelmäßig an einem Tisch und haben die Idee weitergesponnen: Wie könnte so ein Ort aussehen, wo könnte er entstehen, wie schaffen wir Zusammenarbeit? Und ich glaube, das war die wichtigste Grundlage für die guten Entwürfe der Architekten.
Der Bau wurde im Zeit- und Budgetrahmen realisiert. Was war entscheidend?
Frey: Ein wichtiger Pfeiler war das Generalunternehmermodell, also Bauunternehmen und Architekten haben ein gemeinsames Angebot umgesetzt. Aber es lag auch am Vertrauen, den kurzen Wegen, und vor allem haben wir schnell Entscheidungen getroffen. Und wir hatten mit Martina Hildebrandt von der Stadt München eine tolle Kollegin, die viele Hürden und Steine aus dem Weg geräumt hat.
Was waren die besonderen Anforderungen an die Architektur? Oder: Warum hat der Entwurf von Steidle Architekten überzeugt?
Frey: Wir haben das Gebäude von innen nach außen gedacht: Was soll hier passieren, welche Räume braucht Kollaboration? Daraus entstanden lichte Räume, viel Transparenz, Sichtachsen, Terrassen, Verbindungen zwischen den Ebenen – und die große zentrale Treppe. Dort trifft man Menschen, ob man will oder nicht. Das ist gewollt. Begegnungen sollen nicht dem Zufall überlassen werden.
Warum passte das Kreativquartier so gut als Standort?
Scharpf: Weil dort Hochschule, Kreativwirtschaft, Kultur und Wohnen zusammenkommen, bald werden auch Jutier- und Tonnenhalle fertig. Das Colab steht damit inmitten eines lebendigen Quartiers. Innovation entsteht, wenn unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen.
Das Colab ist auch ein Ort für die Bürger und Bürgerinnen ...
Frey: Offenheit war von Anfang an ebenfalls mitgedacht. Deshalb gibt es die öffentlich zugängliche Gastronomie The Flash Gordon, prominent zum künftigen Park hin geöffnet. Das Colab soll keine geschlossene Expertenwelt sein, sondern wir verstehen uns als Plattform mit Café und Formaten wie „Inspiration & Talk“, wo Bürger und Bürgerinnen eingeladen sind, mitzudiskutieren. Auch die Werkstatt MakerSpace ist offen für alle. Es geht aber insgesamt um Offenheit. Ein ganz wichtiges Erfolgskriterium für das Haus ist, wie fühle ich mich, wenn ich durch den Eingang komme? Fühle ich mich willkommen? Fühle ich mich wohl? Möchte ich wiederkommen? Deswegen ist für mich auch unser Frontdesk so wichtig, die Freundlichkeit und die Art und Weise, wie unsere Gäste begrüßt und unsere Mieter behandelt werden.
Was ist aus Sicht der Stadt der besondere Mehrwert?
Scharpf: Dass die Stadt nicht nur ihr Logo an die Wand hängt, sondern vor Ort arbeitet. Im Munich City Lab sitzt unser Team als Schnittstelle, Referate und städtische Unternehmen nutzen das Colab. Dadurch entstehen andere Gesprächssituationen. Ich habe selbst erlebt, wie ein Raum Menschen verändert: Runden, die sonst eher steif wären, kommen in Bewegung, Menschen reden anders miteinander. Zusammenarbeit braucht Kommunikation und einen Ort, der sie fördert.
Welche Projekte zeigen das besonders gut?
Scharpf: Der Zero Waste Innovation Hub war für mich ein starkes Beispiel: Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung sind politische Ziele der Stadt und im Colab werden daraus konkrete Ideen. Auch „Digital Health & Care“ ist zentral: Pflegekräfte, Einrichtungen, Wissenschaft, Startups und Partner wie die MÜNCHENSTIFT kommen zusammen. Beim City Demo Day beschreiben Dienststellen konkrete Probleme, Startups bringen Lösungsansätze ein. Beide Seiten lernen voneinander. Das gilt auch für den Innovationswettbewerb.
Was ist in den vergangenen Jahren ungeplant entstanden?
Frey: Dass das Haus eine so erfolgreiche Eventlocation wird, hat uns überrascht. Große Medienhäuser wie Burda, die Süddeutsche Zeitung oder die Handelsblatt Media Group kommen regelmäßig. Auch das „Haus der Kost“ wurde nicht geplant. Aber als das Referat für Klima und Umweltschutz der Stadt München auf der Suche nach einem Ort für nachhaltiges Kochen war, konnten wir eine Lehrküche einbauen – weil die Räume veränderbar und flexibel konzipiert sind. Manches entsteht eben erst im Gehen, und das ist Teil des Erfolges.
Was wünschen Sie sich für die nächsten fünf Jahre?
Frey: Mehr Testfelder und Reallabore. Urbane Innovation entsteht nicht nur im Besprechungsraum. Startups müssen Dinge ausprobieren können – auf Flächen, in Gebäuden, mit Infrastrukturen der Stadt. Ich wünsche mir mehr Vertrauen zwischen Verwaltung und Startups, damit aus Ideen häufiger Anwendungen werden.
Scharpf: Wir wollen weitere Zukunftsfelder erschließen, etwa Bildung. Ein KI-Hackathon mit Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern soll zeigen, welche Kompetenzen künftig gebraucht werden und wie Lernen neu gedacht werden kann. Aktuell haben wir eine Begleitforschung mit der Fraunhofer Gesellschaft angestoßen, die die Aktivitäten der Stadt im Colab evaluiert. Da wird sich zeigen, was bereits wirkt und wo wir nachschärfen müssen.
Was bleibt nach fünf Jahren als stärkster Eindruck, als Erfolg?
Frey: Für mich ist das Colab ein Schlüsselort, weil Innovation hier ansteckend wirkt. Man hört nicht nur abstrakt von Gründung oder Zukunftstechnologien, man geht hinein und spürt den Spirit, knüpft Kontakte. Startups bauen Prototypen und skalieren ihr Business. Genau dafür braucht es diesen besonderen physischen Ort.
Scharpf: Ich spüre jedes Mal diese Dynamik, wenn ich das Colab betrete: Luftigkeit, Leben, Menschen in Bewegung. Der Ort macht Mut, aus Ideen konkrete Lösungen zu machen, und seine große Zukunft liegt noch vor uns.
Dieses Interview ist in der Jubiläumsausgabe des Colab Quarterly erschienen.